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venezuela guy helminger |
olif: weißte, ich sitz noch immer in der schule und hör mir denselben scheiß an. "wenn du mal was werden willst ..." will aber nichts werden. kapieren die nich. sitzt da und sagt: "mußt doch wat werden wollen!". muß nich. nich hier.
Fünf Jugendliche: Männlich, weiblich, türkisch, deutsch, clever und (schul-) bildungsverweigernd. Ein Panoptikum urbaner Möglichkeiten. Trainsurfer. Jugendliche, die sich mit einer rauschhaften Vision von Freiheit im Kopf, an Züge, oft genug Hochgeschwindigkeitszüge hängen - "...bis einer heult" um sich im einschlägigen Jargon zu bedienen. Nein, diesmal noch schlimmer, weil realer: Bis einer stirbt. Und um nichts anderes geht es ja letztlich bei diesem russischen Roulette auf Rädern. Um ein Spiel mit dem Tod.
Und plötzlich ist diese Realität nicht mehr erträglich. Oder zumindest - so meinen vier in der Gruppe der "Hinterbliebenen" - dem fünften, dem Jüngsten, nicht zumutbar.
Man erfindet eine Geschichte, wonach der gehypte tote Held der jungen Surfer gar nicht gestorben (noch bitterer im Jargon: "abgefallen") sei, sondern vielmehr nach Venezuela ausgewandert, um dort seine Surferkarriere in einer geradezu popstarähnlichen Dimension zu finalem Glanz und endgültiger Glorie zu bringen.
Venezuela, das keiner der Jugendlichen je gesehen hat, steht immer mehr für ein Reich der Träume, der Menschlichkeit, der Flucht aus der grauen Pseudofreiheit eines mitteleuropäischen Jugendlichen. Ob der nun Österreicher, Deutscher oder assimilierter Türke ist: Die Verteidigung heroischer Visionen gegen eine entzauberte und banale Welt eint. Von ihr will man nicht lassen. Nicht mal dann, als selbst der, für den die Geschichte erfunden wurde schon lang nicht mehr daran glaubt.
Venezuela hat sich verselbständigt und ist jetzt in den Köpfen. Eine Wirklichkeit ohne diese neue geistige Heimat ist nicht mehr zu ertragen.
All das erzählt Helminger in einer grotesk verstümmelten Sprache (das Stück erhielt den "Förderpreis für Jugendtheater des Landes Baden-Württemberg" und ist auch als Hörspiel (WDR) erschienen), die eigenartigerweise poetischen Freiraum schafft, für diese tragikomische Bestandsaufnahme einer Jugend.
Die scheinbar statischen Kommunikationsrituale und die und grotesk verstümmelte Sprache werden von iffland & söhne mit rasanten filmischen und musikalischen Mitteln, sowie speziellen Kampfchoreographien konterkariert. Ein Geschwindigkeitsrausch in den Köpfen der Zuschauer.
darsteller:
marc baum (olif),
nina gabriel (flada),
daniel frantisek kamen (izmir),
johannes maile (buch)
jens ole schmieder (kerm)
inszenierung: anna
maria krassnigg
regieassistenz und
inspizienz: rosemarie brucher
bühne / licht: andreas lungenschmid
kostüme: eva wandeler
musik: christian mair
dramaturgie: olivier ortolani
uraufführung: 16. april 2004 im théâtre national du luxembourg (tnl)
gastspiele im wuk theater wien vom 1. bis 9. mai 2004 und im grand theatre luxemburg vom 3. bis 5. märz 2005
voraufführung als lesung im november 2003 im wuk wien (mit florian teichtmeister als "olif")
eine produktion im rahmen von erben
weiterführendes material:
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